Bring me little water Sylvie

Warum ist also die Kultur stärker als die individuellen Faktoren bei der Herausbildung des Spielstils größerer Personenkreise? Nun einmal kann man mit der Macht des faktischen argumentieren: Anderswo wird anders gespielt, prototypischer Unterschied besteht bekanntlich zwischen der Anglo- und der Teutophonie. Es ist von einer Gleichverteilung von individuellen Persönlichkeitsmerkmalen auszugehen, “Volkscharakter” und ähnliches seien als indiskutabel abgetan. Bleibt also Kultur, vor allem die Rezeptionsgeschichte als große Wasserscheide und Formgeberin.
Hierzu habe ich mich ja schon oft ausgelassen, doch heute ein etwas anderer Blickwinkel.

Wieviel Wahlmöglichkeit hat man überhaupt?
Die Anzahl dieser Möglichkeiten werden bestimmt durch:

rezipierte Varianten
eigene Überlegung

Etwas für einen selber neues zu schaffen ist möglich, aber eher unwahrscheinlich. Diejenigen, die eigene Überlegungen anstellen sind gering an Zahl, und zumindest in der Vergangenheit nur als Spieleautor multiplikativ aufgetreten. Die Zahl der rezipierten Varianten ist wiederum eine Funktion der zugänglichen Lerntexte, mit der Teilnahme und Bereitschaft zur Rezeption derselben.
Deutschland erlitt Einschränkungen durch die Sprache, sowie die geringere Erhältlichkeit der Lerntexte. Genau diese Einschränkungen führten ja zur Entewicklung von DSA. Denn selbst wenn man die Fremdsprache beherrscht, fehlt es manchmal am Kontext und an der Rezeption des fremdländischen Diskussionsstandes. Hier setzt meine alte These wider den Kiesow ein, Runequest & Kriegsspiele seien stichwortartig als Platzhalter für diese angeführt.
Wie jedem nachvollziehbar erscheinen sollte, wirkt ein Lerntext anders, wenn andere Grundvorraussetzungen vorhanden sind. Kiesow & Kumpanen haben sich eben einen eigenen Reim gemacht, weil sie D&D nicht in den richtigen Kontext setzen konnten, das gesamte Spielziel wurde umgedeutet, um mit ihrer Erfahrungs- und Sehnsuchtswelt in Einklang zu geraten. Durch historischen Zufall wurde DSA stilbildend. Diese Stilbildung ist insofern bedauernswert, da der stete Strom von Neuerscheinungen aus den USA von der Masse der deutschen Spielerschaft nicht ohne eigene Mehrarbeit verstanden werden konnte/kann. Diese beziehen sich nämlich auf den US-Kontext. Dieser wiederum ist in Deutschland nur Wenigen in unverzerrter Form bekannt. Durch das Internet wächst diese Zahl. Aber Minderheit bleibt sie. Insbesondere das ungedeutete Spielziel bei DSA führt dazu, daß der Begriff Rollenspiel, die ganze Gattung mit dieser Sonderform, dieser Spezialform gleichgesetzt wird, und andere Spiele unverständlich erscheinen.
Die Rezeption anderer Lerntexte wurde so erschwert. Natürlich kann man sich davon befreien, wie es mir bei meiner ersten Traveller-Lektüre gelang. Doch sind die Hürden eben höher, durch die deutsche Rollo-Kultur, und so sind die Prozentzahlen eben auch niedriger. Der freie Markt der Ideen ist in Deutschland keiner, da nur wenige Tausend am Ideenaustausch wirklich teilnehmen. Man kann also getrost sagen, daß in Deutschland nicht das gespielt wird, was gewünscht wird, sondern das gespielt wird, was bekannt ist.
Das ist natürlich überall so, aber wiederholt muß gesagt werden, daß die Zahl der bekannten Systeme geringer, und das Verständnis insgesamt auch geringer ist, als in anderen Ländern. Es ist somit also müßig, der Dominanz des Stimmungsspiels eine freie Wahl als Erklärung beizugeben. Etwas, für das ich mich wohlinformiert entscheide, das ist wahrlich Geschmacksfrage. Aber offenkundige Murksrezeption und Kiesow-Gehirnwäsche, die ja das Verständnis anderer Systeme und Spielarten erschwert, gleichsam die Hürden höher setzt, darf damit nicht geadelt werden. Die Meisten spielen so, weil sie es nicht anders kennen. Ob und wieviele bei größerer Wahlmöglichkeit (auch der ganz pragmatischen, auf Mitspielersuche bezogenen) noch beim Stimmungsspiel blieben, sei dahingestellt. Ich jedoch sage: Extrem wenige.

Zum O.R.K.

Ein Gedanke zu „Bring me little water Sylvie

  1. Ich weiß nicht, welche guten Vorsätze du für das neue Jahr geschlossen hast, aber mir gefällt der neue Settembrini weit besser als der alte, polternde.Wenn ich auch nicht allen Details in dem Eintrag zustimmen möchte, so kann ich doch verstehen, was du sagen willst. Endlich.(Mehr im O.R.K., wenn ich die Zeit finde.)

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