Der-um-die-Eiche-springt

Vor ein paar Tagen begab es sich, daß Nutzer Markus mich kritisierte, und mit meiner Replik unzufrieden war. Es seien nur leere Worthüllen [sic], die ich ihm entgegnete, die den sog. Sachbezug vermissen ließen. Die einzelnen Kritikpunkte können hier nachvollzogen werden.

Letzlich sind alle Dinge, die er nennt, Folgen aus der bei ihm beispielhaft ausgeprägten politischen Unreife. Oder auch nur mangelndem Textverständnis. Zum Textverständnis gehört vor allem in diesem Zusammenhang, Aussagen im Kontext und nach ihrer Absicht aufzunehmen. Dazu später mehr.

Vorangestellt sei aber die grundlegende Betrachtung des politischen im Gespräch. Die westliche Welt und das demokratische Prinzip sind Kinder der Aufklärung und ihrer Träger. Die westlichen Gesellschaften benötigen für die Demokratie das als Träger mündige, aufgeklärte Individuum, die im Pluralismus miteinander, aber nicht nebeneinander Leben. Die Grundlage für diese unsere Gesellschaftsform ist der Austausch und Widerstreit der Meinungen, in offener und andauernder Weise. Daraus gibt es keinen Ausweg, der pluralistische Diskurs ist das Blut unseres Systems. Denn nur so wird das Mehrheitsprinzip der repräsentativen Demokratie zu einer, zu der wünschenswerten Organisationsform. Entstanden ist dieses Gedankensystem aus dem jahrhundertelangen Ringen der westlichen Zivilgesellschaften gegen jedwede monolithische moralische Instanz, hauptsächlich hier die Kirchen. Es ist eben dies die grundlegende Erkenntnis der Aufklärung, daß niemand in diktatorischer Weise für die gesamte Gesellschaft moralische Entscheidungen treffen darf. In der Demokratie fußen alle moralischen Entscheidungen auf dem anhaltenden Diskurs, dem ewigwährenden Prozeß des Für und Wieder. Vollkommen beliebig sind unsere Werte beileibe nicht, die Erklärung der allgemeinen Menschenrechte ist Grundstein des westlichen Wertegefüges. Aber gerade diese unveräußerlichen Menschenrechte sind Schutzrechte des Individuums, die sicherstellen sollen, daß jeder nach eigenem Vermögen und Wollen am demokratischen Willensbildungsprozeß teilnehmen kann, ohne für die Unversehrtheit der eigenen Person, auch im weiteren, wirtschaftlichen Sinne, fürchten zu müssen.
Nun liegt also die Verantwortung für das gelingen dieses Menschheitsprojektes bei eben dem Bürger, der hier als citoyen zu verstehen ist. Nur der citoyen, der frei, gleich und brüderlich mit seiner Umwelt eigenverantwortlich interagiert, ist Träger und Gestalter, füllt die Hülle mit Leben, Wirkungsmacht, Sinn und Zweck.

Der Streit ist der Herzschlag und zugleich Seele des Westens.

Alle anderen Lebensmaximen, die die Harmonie und die Ruhe als höhere Werte ansehen, sind per se antidemokratisch. Derer gibt es viele, gerade in Deutschland haben wir mit der Konzentration auf: „Redlichkeit, Innerlichkeit, Vaterland“ und die diesen Dreiklang umwabernden verschiedenen romantischen Strömungen Erfahrungen gemacht, man muß beileibe nicht das Dritte Reich bemühen, um aufzuzeigen, welch negative Folgen das hatte.

Gerade der Aufbruch aus der romantischen Innerlichkeit und dem wohligen Gefühl der (Volks-) Gemeinschaft ist die große Zivilisationsleistung! Natürlich sind es Urtriebe, die sich in Ruhebedürfnis und Harmoniestreben ihre Bahn suchen. Aber eben diese tierischen Neigungen zu überwinden, das heißt Zivilisation. Es käme ja auch keiner auf die Idee, die Lust an Gewalt, die, da bin ich mir sicher, in einem Großteil der Menschen irgendwo existiert, mit ihrer alleinigen Existenz als gut und richtig validieren zu wollen. Alle Entwürfe, die aus der „Natur des Menschen“ argumentierend umgesetzt wurden, sind enweder widerwärtig ausgeartet, oder im westlichen Diskurskonsens dieser unsere Zeit rundheraus abzulehnen.
Es ist, nach meinem Verständnis, der Kern des Faschismus. Wunderbar belegbar an heutigen Islam-Faschisten: Stammeslogik und Urinstinkte werden da zu Triebfedern, um der Desindividualisierung, Vergemeinschaftung und Verrohung Vorschub zu leisten.

Gegen die faschistoiden Urkräfte haben die Aufklärer nur und ausdrücklich nur, den ewigwährenden Diskurs gesetzt. Unseren Gründervätern und uns selber zur Ehre gereichen wir, indem wir den eternischen Kampf aufnehmen, und streiten, streiten, streiten.

Den was ist politische Willensbildung in modernen westlichen Gesellschaften? Aus der Unendlichkeit der möglichen Meinungen destillieren die Gesprächsteilnehmer eine Auswahl an vertretbaren Meinungen. Die größte Filterfunktion gegen den Wahnsinn der Beliebigkeit stellt unsere Kultur dar: die Summe der verarbeiteten Erfahrungen und Diskussionsstände unserer Gesellschaft. Damit dieser Filter nicht zukleistert, und somit seine Funktion und Legitimation verliert, werden auch immer wieder einmal die alten Diskussionsstände und Erfahrungen unter neuem Licht betrachtet, und eben wieder diskutiert.

Insofern kann man also alles in Frage stellen.
Außer, das in-Frage-stellen, den Streit an sich.

Er ist das Gerüst, in dem der Filter eingebaut ist. Es gibt andere Gesellschaftsmodelle, aber es sind nicht unsere. Wer also, nach Ruhe und Harmonie strebt, und diese allen ernstes über die Demokratie und das Gespräch stellt, der macht sich selbst zum Schwarzfahrer der Demokratie. Nun ist nicht alles Perfekt, und die Zahl der nur-Bewohner unseres Landes ist bestimmt größer als die der citoyen. Doch dies ist ein Mangel, und keine Tugend. Glücklicherweise ist die Zahl der citoyen groß genug, und unser System ist vorerst stabil. Der nur-Bewohner hält sich zudem auch aus den Diskussionen raus, und gibt dann buchstäblich ca. alle zwei Jahre seine Stimme ab. Ab, an die Träger der aufs unterste Niveau runtergebrochenen Handlungsalternativen, die im vorhergehenden Streit entwickelt wurden.

Das Recht, im Hobby eher seine Triebe als die ratio sprechen zu lassen, und also gerade Harmonie und Ruhe auszuleben, kann wohl niemandem verwehrt bleiben. Doch sollte es dann bitte dabei bleiben, daß derlei nur-Rumdümpler sich mit Äußerungen zurückhalten. Denn wer in einer westlichen Gesellschaft die Einstellung des kritischen Denkens und Streitens fordert, der disqualifiziert sich zum Glück selbst als ernstzunehmender Teilnehmer.

Und einer dieser Disqualifizierten ist der oben verlinkte. Wie angekündigt, hier ein kurzer Exkurs zum Textverständnis. Daß der Verlinkte politisch fehlgeleitet ist, oder aus westlicher Sicht unreif, habe ich dargelegt. Weiterhin verwechselt er, wenn ich mich aufrege mit „persönlich nehmen“. Nichts liegt mir ferner, als irgendetwas im Internet persönlich zu nehmen, von ein paar ganz wenigen Dingen abgesehen, aber die spielen hier keine Rolle. Ebenso war der Delinquent nicht in der Lage, meine Beschuldigung eines anderen Posters einzuordnen. Anstatt sich zu fragen, warum ich den [Infernal Teddy] einen Lügner nenne [er hat behauptet ich sei auf ENWorld gesperrt worden, was jeglicher, wirklich jeglicher Grundlage entbehrte: Verleumdung], ordnet er das Zitat vollkomen falsch ein.
Ebenso Beispiel für mangelnde Kontextualisierung und Textverständnis ist die Beschwerde, ich habe Eigenlob betrieben. Natürlich habe ich Eigenlob betrieben. Punkt. Lebe damit.

Insgesamt hat der Verlinkte ein ums andere Mal eine ekelige Mischung aus falsch angebrachter Besserwisserei, Fehlen jedes Streitverständnisses gekoppelt mit antidemokratischen Neigungen an den Tag gelegt. Und dies alles im Ton einer Kladower Zehntklässlerin im PW-Unterricht. Eine üble Mischung, die bitte wieder dahingeht, wo sie sich wohlfühlt, aber uns Rollo-cityoen nicht behelligt. Denn wenn man tagein-tagaus die Grundlagen westlicher Werte vermitteln muß, bevor man überhaupt sprechen kann, dann bleibt alles andere auf der Strecke. Ich sehe hiermit meinen Bildungsauftrag als übererfüllt an, hier mußte ich aber Verfehlungen der Erziehenden entgegenwirken.

Zum O.R.K.

5 Gedanken zu „Der-um-die-Eiche-springt

  1. Besserwisserei, Fehlen jedes Streitverständnisses, antidemokratische Neigungen… Settembrini hat Recht. Weil er damit über sich selber spricht, und über niemand anderen.

  2. Ob Ars, Scherz, Nar oder sonstwas interessiert mich nur mäßig. Republikanische Gesinnung und Streitkultur im Hoeneß’schen Sinne dagegen sind hohe Werte und des Hofrats Eintreten für diese erfreut mich ungemein. Abgesehen davon ist sein Blog kurzweilig. Lieber Hofrat, ich ziehe meinen Hut vor Ihnen.

  3. Wahnsinn.Die FORGE wird bestimmt bald Lager errichten, in denen solche Gegner des gesunden Rollenspielverständnisses und Störer der öffentlichen Ordnung aus dem Verkehr gezogen werden.

  4. Ganz offensichtlich, Settembrini, wie kann es sonst sein dass du tatsächlich Befürworter hast?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.