A satisfied mind

Manchmal begibt es sich, daß eine im Busen getragene Idee, welche genährt durch die Phantasie einen von außen eingetragenen Samen zu recht ansehnlicher Größe gedeihen ließ, aus Unachtsamkeit dennoch im Verborgenen verbleibt. Wenn dann aber ein weiterer Anstoß erfolgt, so ist es nur recht und billig diese Idee dann und endlich ihrer Bestimmung zuzuführen.
So mein Beitrag zu John Daly.
Dieser dicke Golfer ist für mich ein Prototyp für einen Quentin Tarantino Charakter, oder besser für eine Kategorie von Tarantino-Charakteren. Ich möchte den Leser nicht beleidigen, und somit möge dieser selbst die Punkte verbinden, die konkreten Bezüge zum tarantinoschen oevre selbst herstellen.
Alle zeitgenössischen und Sci-Fi Spielrunden, also diejenigen, die sich mit modernen und komplexen Gesellschaften befassen, leiden unter dem Problem der Personnagenmotivation. Eine vormoderne Welt ist insoweit als heroisch zu bezeichnen, als daß das Individuum in ihr für sich selber stehen kann, ungebunden durch große Organisation seine überragenden Talente erwerben als auch einsetzen kann. Dies geht in glaubwürdigen komplexen Gesellschaften nicht mehr. Dieses Problem stellt sich ja schon den Popularsystemen wie D&D oder auch DSA, sobald sich echte Staaten im Hintergrunde wiederfinden: Cormyr, das Liebliche Feld oder auch das römische Reich sind dergestalt verfestigt in ihrer Staatlichkeit, sind dergestalt vom Gewaltmonopol des Souveräns geprägt, daß das freie und selbstgewaltige Individuum, oder kleine Gruppen von solchen, Glaubwürdigkeitsprobleme bekommen. Und eben prononcierter zeigt sich dieses Problem in echten modernen Gesellschaften.
Vor allem die komplexe Ausbildungsgänge benötigen ordentliche, stabile und angepaßte Personnagen. GSG9-Beamte ziehen nicht auf eigene Faust durch Borneo und jagen Schmuggler, belehrstuhlte Professoren der Frühsemitik jagen keine Monster in Neuengland, High Potentials haben keine Geldnot, die sie zwänge sich als Privatdetektiv zu verdingen. Die für eine Personnage gewünschte Kompetenz steht im Gegensatz zu den Ausbildungs- und Lebenswegen, die normalerweise in komplexen Gesellschaften zu Kompetenz und Erfahrung führen. Somit ist es unabdingbar, sich die fast-gewesens, die Möchtegerns, die Abgestürzten und Weggeschassten oder unorthodoxen Quereinsteiger prüfend anzugucken. In meinen Travellerrunden habe ich dieses Problem hundertfach gelöst (was sind das für Menschen, die jahrelang fern oder bar der Heimat ohne Verbindung nach außen durch die Galaxis reisen?) , und der Mechanismus sei eben hier offengelegt, dem wachen Leser zum Nachvollzuge angeboten. Eben solche Dalyschen Lebenswege sind es, die nicht endender Quell von Abenteuer und Figurenideen sind. Derjenige maître de jeux, der auf der Klaviatur der abseitigen und halbseidenen Lebensläufen spielen kann, schafft Spieltiefe und umschifft shadowruneske Peinlichkeiten der Unlogik, aber jeder Spieler selbst kann seinen Beitrag leisten. Der Hintergrund muß nicht lang sein, oft reichen zwei, drei Zeilen, die aber die Beziehung der Personnage zur komplexen Gesellschaft darlegt. Gedanken muß man sich machen, die Frage: „Warum geht diese kompetente Personnage Risiken ein, die eigentlich verstaatlicht und vergemeinschaftet sind? Wenn sie so kompetent ist, warum ist sie ungebunden und in ungeregelten Beschäftigungsverhältnissen?“ zu beantworten.
Denn wer will schon den Tiger Woods eines beliebigen Kompetenzfeldes spielen? Mehr noch, wie hält man den angepaßten, eingebundenen, durch und durch anständigen Menschen im Abenteuer?

Hier sind wir wieder bei John Daly, der Kreis schließt sich. Im Übrigen deutent viel darauf hin, daß Daly zwar dem Trunke zuspricht, seine Leistung (wenn-denn-dann) aber im Gegensatz zu allen seinen „sauberen“ Streberkollegen ohne Kokain erbringt. Ein schöner Schluß für das Märchen vom Arbeitergolfer, nicht war?

Zum O.R.K.

5 Gedanken zu „A satisfied mind

  1. „In meinen Travellerrunden habe ich dieses Problem hundertfach gelöst…“Dann gib uns doch vielleicht so fünf Beispiele und ich halte den Beitrag sofort für lesenswert.

  2. „Alle zeitgenössischen und Sci-Fi Spielrunden, also diejenigen, die sich mit modernen und komplexen Gesellschaften befassen, leiden unter dem Problem der Personnagenmotivation.“will heißen: die Autoren sind zu INKOMPETENT, um vernünftige Ansätze dazu zu liefern. Ein Rollenspiel bei dem die Charaktere (alá Dune, HdR etc.) wirklich die Mover’n’Shaker sind wäre mal wünschenswert.Exalted liefert da interessante Ansätze, krankt aber an der mangelhaften mechanischen Unterfütterung.Traveller dagegen hat NUR die mechanische Seite, ohne gute Ideen, was man damit anfangen könnte.Reign soll gerüchteweise beides haben (wer es gelesen hat möge dies bestätigen oder dementieren 😉 ).Es geht nicht um „Tiger Woods oder John Daley?“ (die meißten SC sind ohnehin Tiger Woods), es geht um die Frage „Auf dem Parcour stehen oder managen (oder beides?)?“Inkompetente Helden sind BEQUEMER für Autoren wie SL, aber sie sind nicht notwendigerweise erstrebenswerter.

  3. Ich stimme begrenzt zu. ICH leite natürlich auch für mover & shaker. Kein Problem mit großen Organisationen & mir.ABER: Die meisten wollen schon garnicht erst, da kommt es dann auf das können garnicht mehr an. Bei uns gab es auch immer wieder reine Plan &Politikabenteuer, deren Actiongehalt von NPCs erledigt wurde, ganz antiklimaktisch. Kein Problem für manche.Traveller hat im Übrigen alles, was man braucht, siehe Pocket Empires. Wie aber immer bei guten Rollenspielen, bleibt die psychologie des charakters unbetrachtet. Zum Glück, sonst würde es schnell peinlich.

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