Szenischer Einstieg: Blick in alte Zeitschriften

Fantasy Welt Nr. 33, Jahrgang 1991. 66S. Hochglanz und Vollfarbprospekt, und/oder/auch Magazin. Uwe Körner, Dirk Zeumer und u.a. auch Oliver Hoffmann hatten da ihre Finger drin.
Der Fatasywelt-Verlag hatte damals gleichzeitig die Talislanta-Rechte, und war dahingehend aktiv, und besprach und bewarb Talislanta im Hefte.

Ansonsten ein sehr zwiespältiger Blick in die Vergangenheit für mich. Regierte zunächst große Freude und Nostalgie ob der vertrauten und freudebringenden Spielenamen, so kam bald der heilende choc.
Einundneunzig, wie sah das damals aus?
Es gab noch den STARD (Proto-NordCon) infolge also auch die Zauberzeit, DSA2 war im vollen Gange, TSR-Europe machte mehrere ganzseitige Farbanzeigen in deutschen Magazinen, für englischsprachige Produkte! Darunter 2e Blüten wie Spelljammer und Al~Qadim. Und es existierte noch meine Gralsburg des Berliner Rollenspiels, der Ort meiner Erweckung; das Kribbeln als ich diesen Laden das erste mal betrat, und all diese unbekannten aber unglaublich reizvollen Spiele! Die fremden Zungen, Miniaturen! Der Laden nüchtern und mit weißen Stahlregalen ausgestattet, eines angefüllt mit DSA, nahe dem Ausgang. Hier kaufte der junge Hofrat BattleTech, Kriegsspiele, DSA-Produkte wie die Schwertmeister Boxen, lernte Warhammer kennen usw. uvm. Nachdem ich vorher meine DSA-Käufe im „Werken, SPielen, Schenken getätigt hatte, so einer Art bahnhofsbuchhandlung mit Plastikmodellen anstatt Heftromanen, war dieser Laden geradzu Offenbarung. Der Laden hieß Pegasus, vollkommen unverwandt dem heutigen Munchkin-Vertrieb und Judge-Heller-Projekt-enableur.
Alleine die Namen der Supplements in der 33er Ausgabe, und die Pegasus-Ladenwerbung sorgten bei mir für große Gefühlswallungen. War diese Zeit nicht besser, die Produkte nicht aufregender, der Geschmack nicht unverdorbener? Doch wehe wenn man in die Rezensionen blickt! Wehe dem, der die Artikel liest und gestraft jeder, der auf die Abenteuer blickt! Alles war damals schon verkorkst.
Die Rezensionen sind auf unterstem Niveau, beschreiben den Inhalt, die dinglichen Aspekte des Produkts. Kaum Wertung, kaum strukturierte Information, eigentlich nur Werbung. Vor allem die euphorischen Kaufempfehlungen für DSA2-Scheißabenteuer (Die Attentäter z.B.) treiben einem Tränen in die Augen.
Auch widerlich die Deutschtümelei und Altbackenheit einer DSA-Anzeige: das wird ein Gesamtaventurisches Sinnspruch-Meinungsknopf-Turnier ausgerufen, also Buttons a la „Hal ist ein Mädchen“ sollen entstehen. Die Anzeige ist wahrhaft geschmacklos, aber irgendwie müssen Buttons damit zu tun haben, ich erinnere an „The Ballad of Bilbo Baggins“.
Das D&D-Anfängerabenteuer ist dann auch klassische deutsche Railroadingschule, inkl. Meisterhinweisen. Stilblüten:

„Gewiß, Heldenneigen halt immer dazu, eine überaus geniale und heroische Lösung zu ihren Problemen parat zu haben, aber dies ist hier einfach nicht möglich.“
Diesen peinlichen Ton der Vulgarironie hat man wohl direkt vom Herrn Kiesow internalisiert.

„Nach dem Ende des Abenteuers werden die Helden nicht unbedingt zufrieden sein. […] Es soll vielmehr zeigen, daß man sich zuweilen glücklich schätzen sollte, wenn man mit dem Leben davon kommt, wenn man sich in Angelegenheiten anderer Rassen und Völker einmischt (auch wenn dies unbeabsichtigt geschieht).“

Dann noch so tolle Würste wie „Nicht nur pure Kämpfe, XP für sinvolle Handlungen, Monster nicht nur pures [sic] Schwertfutter etc. blabla.

Auch Bestandteil der FW, Postspielrezensionen! Wir haben damals immer unsere eigenen Postspiele gemacht, sehr fetzig, aber die gewerbliche Szene mit Computerauswertung war damals ganz was besonderes. Gibt es immer noch, dürfte aber durch die Neverons und WoWs dieser Welt marginalisiert worden sein.

Dazu noch Artikel/Werbung zu anderen phantastischen Medien, nett aber wierder bar jedes eigenständigen kritischen Denkens.

Entschuldigend kann gesagt werden, es gab kein Internet, die Informationen wurden somit wenigstens verbreitet.

Alles in allem aber ein gruseliger Blick in eine Zeit, die bald mit dem Sterben der Zauberzeit den endgültigen Sieg des deutschen Sonderweges in Richtung Klops- und Dropsigkeit erfuhr.

Zum O.R.K.

7 Gedanken zu „Szenischer Einstieg: Blick in alte Zeitschriften

  1. Ich erinnere mich noch an eine KULT-Rezension in der FW. Der Autor war offenbar Cthulhu- und Shadowrun-Fan und verstand KULT als schlechten Abklatsch der vorgenannten Spiele. Klarer Fall von nix verstanden. Ganz nett zu lesen hingegen der Verriss von „Victor von Galizien“ (oder so ähnlich). Von den Abenteuern in der FW habe ich nie eins geleitet, nach drei Ausgaben hatte ich genug.

  2. „Victor Galitzin“, ein weiterer Rohrkrepierer aus dem Hause Agema (Perry Rhodan RSP + Cosim).(Sett, haben denn wenigstens die historischen Cosims von denen denn was getaugt?)

  3. FW was after my time. I barely remember ZZ. God, I’m old. I’m trying to remember what Spielwelt(?) was like. I think it was unintentionally good because in spite of its Eurogame focus (word didn’t exist yet, naturally) you got RPG reviews (very few) mixed up with wargame reviews, at least the more „fantastic“ ones, i.e. anything from Wizard’s Quest to TSR ziplock games. We bought „Vampire“ based on a Spielwelt review, ditto BD&D. IIRC. Am I totally off, Dirk?

  4. Für die Spielwelt im Allgemeinen liegst Du in der Tat völlig daneben. Zumindest in den späteren Ausgaben praktisch reine Rollenspielzeitschrift.Und Sets Kritik an den Reviews ist nur teilweise berechtigt. „Die dinglichen Aspekte des Produkts“ waren damals eine durchaus wichtige Information, denn es gab kein Internet, über das man solche trivialen Dinge hätte in Erfahrung bringen können.

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