Des Pudels Kern

Es ist vorbei, es geht zu Ende mit diesem Blog, dies hier ist der vorletzte Post [IM ALTEN BLOGGER BLOG, NICHT HIER BEI WORDPRESS_RSP_BLOGS!]. Warum und wieso erfahrt ihr im Folgenden. Aber auch wie es weitergeht.
Blicken wir zurück auf diesen Leuchtturm des Guten Geschmacks und seinen Leuchtturmwärter, so stellen wir fest, daß der Wärter, also ich zuallererst naiv in die deutsche Onlineszene trat.
Weiland im alten Cthulhu Forum, als Hofrat Behrens, dessen Ehrentitel noch immer Beiname und Schlachtruf ist. Ausgewählt höflich (wirklich, lest es nach; maniriert geradezu) wollte ich, nach einem besonders schlimmen Spielerlebnis dieses Erlebnis mitteilen und gemeinsam darüber ablästern. Nun stellte sich schnell raus, daß dies unsägliche Spielerlebnis (im Kern ging es meiner Erinnerung nach um „Bad Moon Rising“) von vielen, sehr vielen, als gar nicht unsäglich, sondern geradezu phantastisch und wünschenswert angesehen wurde!
Aus dieser anfänglichen Verwunderung wurde schnell gerechter Zorn. Und mein Habitus änderte sich radikal, durchaus auch inspiriert durch Einflüsse des RPGPundit. So vergingen Monate und Jahre mit ätzenden Kommentaren, knallharten Analysen und dem allgmeinen Kampf gegen den Spielstumpfsinn der Stimmungsspieler. Nach und nach stellte sich jedoch die bange Frage: Wenn alle Deutschen etwas gut finden was ich schlecht finde: bin ich bekloppt oder alle anderen? Die Statistik läßt ja erstmal Zweifel aufkommen. Doch jede Prüfung ergab dasselbe in beiderlei Gestalt: sowohl waren die Argumente der Mehrheit schwach, falsch und in sich verrottet („Soviel Freiheit kann man garnicht vorbereiten!/Ich will doch aber alles bestimmen, vora llem die Gefühle meiner Mitspieler!“) als auch die auf Cons und Messen gemachten Erfahrungen zeigten deutlich, daß die Mehrheit der Internetjogis einfach Scheiße will und noch beschissener spielleitet.
Eine Phase einer gewissen positiven Konstruktivität folgte schnell und ist durch PESA-Aktivitäten weiterhin am Leben. Doch lohnt noch der Streit? Lohnt es, sich mit den selbstverschuldet Unmündigen Vollpfosten der Sado-Maso Szene namens „deutsche Rollenspieler“ noch auseinanderzusetzen?

Dies wollen wir kurz hier theoretisch beantworten. In all den Jahren sah ich mich gezwungen von relativ kleinteiligen Analysen in immer größere Themenkreise überzuwechseln. Machte ich am Anfang Regeldetails und einzelne Essays (vgl. „Auf ein Wort“) sowie Abenteuerstile („7G analog zu dem Sündenfalle Dragonlance“) verantwortlich bleibt mir nach aller Nachforschung und allen Erfahrungen nur ein Schluß übrig: Scheiße hat in Deutschland Hochkonjunktur nicht etwa durch den historischen Zufall, daß Scheiße zuerst da war. Nein, Scheiße ist in Deutschland der Standard geworden, weil „Scheiße mit Handouts“ das Leibgericht der Deutschen Spieler ist. Es entspricht dem Volkscharakter ganz genau. Als ich weiland das, was ich später aufgeklärtes Rollenspiel nannte weniger hochtrabend dafür würziger „herrenmäßiges Rollenspiel“ nannte, kamen gleich befremdete Kommentare bez. der Wortwahl. Dieser Negerkussverbietbrigade sei nochmal gesagt, daß die Deutschen keinen beliebteren Sport haben als nach Ihrem Volkscharakter zu spüren, wennlgeich sie es anders nennen mögen.
Was ist also nun der unheilige Volkscharakterzug der Deutschen der allen aufgeklärten Spielern das Zocken vermiest? Das seit ca. 1806 anhaltende Trauma der Romantisierung und Sentimentalität. Die Aufklärung war ein Unfall auf deutschem Boden, der schnell wieder Rückgängig gemacht wurde. Darüber ließe sich viel schreiben, was wir in interessiertem Kreise en Detail gerne die nächsten Jahre tun können. Es sei aber eben als Zwischenergebnis festgehalten, daß Romantik und Sentimentalität in Deutschland ungebrochen herrschen; selbst die Moderne ist ja mitlerweile romantisiert worden. Muß man erstmal schaffen! Was ist also das Volkscharakterproblem mit Romantik in deutscher Ausprägung?
Knapp:
Der nihilistische Todeswunsch, das Streben nach Auflösung des Selbst in der Mase oder das Vergehen im Ganzen. Dieser nihilistische Todeswunsch ist des Pudels Kern. Es ist auch mal das „Faustische Prinzip“ der deutschen Seele genannt worden und recht Stolz verkündeten damals die sentimentalen Kriegsintellektuellen im 1. Weltkrieg: „Mit Goethes Faust im Tornister in die Schlacht!“.
Im oben verlinkten Tagesspiegelaufsatz sinniert der halbschlaue Journalist ein bißchen umher, sieht aber nicht die große Linie. Wir hingegen haben sie aufgespürt:
Deutsche Sentimentalität mit Todessehnsucht und Auflösungsstreben war erst nach außen gekehrt: Einmal im Wilhelminismus, dann nach der tödlichen Beleidigung des Egos und sozusagen der verstärkten traumatischen Wiederholung des Kaiserverlusttraumas von 1806 im Dritten Reich. Die Deutsche Mehrheitsgesellschaft war wohl nie so glücklich wie im volksgemeinen Dritten Reich. Trotz Götz Alys netter sozialdemokratischer These der Bereicherungsgewinnler kann die historische Wissenschaft feststellen: Die meisten Deutschen haben mit großer Hingabe auch unter großer materieller Not und Opferbereitschaft mitgemacht. Natürlich wurde es am Ende, also 1945 dann doch sehr arg, für eine mechanisch und formelhaft geschriebene aber differenzierte Bestandsaufnahme empfehle ich Ian Kershaws „Das Ende“.
Die Todessehnsucht die zuvor nach außen gekehrt war, dann am Ende zum pathetischen, Etzelgemetzel nachstellenden großen Opfertod transformierte, wurde in der Nachkriegszeit dann zum nach Innen gekehrten Todeswunsch mit ausgeprägt wurstigem Horizont.
Keine Tiere Essen, kein Wachstum, keine Technologie mehr, kein Pathos mehr, kein nischt aber vor allem keine Kinder.

 axandall
Blau sind nach 45 westlich orientierte Demokratien, Rot im Warschauer Pakt gewesen Rosa die sozialistischen „Blockfreien“. Die Daten sind von 2010.

Nicht umonst wird mitlerweile von vielen der Club of Rome und die Tugendwächterei der Müllkontrollierer durchaus als faschistoid oder zumindest ersatzreligiös bezeichnet. Egal wie man das sieht, was man auf jeden Fall belegen kann, ist daß die sentimentale Romantik des „Naturzustandes“ dem zugrundeliegt wie die „Grenzen des Wachstums“ spezifisch in Deutschland rezipiert wurden. Hier sei nochmal gesagt, daß ich vehement gegen die These der „Schuldkomplexe“ wie oben im verlinkten Tagesspiegelartikel ausgeführt bin. Ich habe noch keinen einzigen Deutschen mit schlechtem Gewissen getroffen, der sich aufrichtig schuldig für irgendwas fühlt. Traurig sind sie, besorgt um die Natur und die Zukunft, das Atom usw. usf. Die große Besorgnis und das Bewußtsein danach zu handeln ist vielmehr große Emotionale und charakterliche Selbstgerechtigkeit und kleinkarierter Größenwahn allenthalben.
Und das kann man alles natürlich auch schon in der Kaiserzeit finden, der geminsame Nenner ist vor allem eben: Sentimentalität und Auflösungswünsche. Nazi ist heute nahezu keiner mehr, ohne Frage. Aber die massenkulturelle Grundströmung, die die Opas hat töten lassen, führt nun zu nach innen gewendeter Irrationalität mit der Tendenz zur undramatischen Selbstaufgabe. Nun nach „Fukushima“ war dann doch wieder bißchen Drama.
Wenden wir uns also wieder dem Rollenspiel zu. Ich lasse mal den unverdächtigen Charles Gannon zu Wort kommen:

RPGs seem to fall into one of two categories, which I refer to as `poetry‘ or `prose.‘
Poetry games focus on mood and feel.  Examples include Shadowrun, Cyberpunk, and many (if not most) Swords and Sorcery offerings.  In these fictional universes, the histories are not often very important, and the state of the world around the character only rarely intrudes upon (or influences) the adventures and their resolution.  The individual characters are so much more important than the realities of their environment, that those realities can often be completely ignored.  The earmarks of the poetry game are, therefore, a tight, intimate spotlight on a small number of characters who tend to `wander‘ from event to event in a moody Erewhon.
`Prose‘ games, on the other hand, ®MDUL¯depend®MDNM¯ upon history, larger motivations, and social movements.  The characters affect their environment, and are in turn affected by it.  Continuing NPCs, multi-part adventures, and broader scope are all earmarks of a `prose‘ game.  But most important, players (and refs) of such a game will find the story of the fictional universe every bit as interesting as the deeds of their characters –because the stage is large, very diverse, and utterly believable.

Wir finden also denke ich, bei jedweder anderer Bewertung doch klar, daß in Deutschland „Poetische“ Spiele landauf landab und darunter die absoluten Könige sind. Und das paßt eben zur Basissentimentalität der Deutschen wie der Faust aufs Auge.
Und das ist des Pudels Kern.

Nachklang:
Aus verschiedenen Gründen wird dieses Blog bald geschlossen. Das nächste Post wird Euch die neue Adresse nennen. Denn wir machen weiter, nur eben nicht mehr bei Blogspot!

Liebe Grüße,

Settembrini

10 Gedanken zu „Des Pudels Kern

  1. Aus Spaß an der Freude würde ich das Spiel gerne weiterführen mit einer Kritik.

    Die Unterscheidung zwischen Poetry Games und Prose Games ist interessant und passt sehr gut zur vorhergehenden Argumentation.

    Doch bei den Poetry Games sind ja eigentlich nur Genres aufgezählt. Rollenspiele sind aber eh immer in Genres angesiedelt, auch Prose Games. Nennen wir sie lieber Themen. Also auch wenn es sich nicht um thematisches Rollenspiel handelt, gibt es doch thematische Schwerpunkte.

    Die Frage wäre nun, erlauben ja ermutigen bestimmte Genres oder Themen ein Rollenspiel als Prose Game, als interaktives Spiel? (Ich glaube schon.)

    Ich verstehe die Argumentation: Romantisch-Poetisches Spiel, Gefühlsüberschwank, Fantasie und Gemütskräfte auf der einen Seite, Aufklärung, Klassik, vernünftiges und philosophisches Spiel auf der anderen Seite. Gruppenkuscheln vs Ressourcen, Wissen, Entscheidungen, Verantwortung.

    Mich stört nur die Rolle des Faust in der Argumentation. Ich war schon immer ein Fan von Faust und will ihn jetzt nicht an das Poetisch-Romantische Spiel verlieren.

    Faust will nicht kuscheln. Faust will Wissen, Ressourcen, Macht, er trifft die Entscheidung schlechthin (seine Seele zu riskieren) und übernimmt Verantwortung. Faust spielt, Faust riskiert. Wo riskiert der thematische Spieler?

    Man muss hier unterscheiden, Faust und wofür die Figur steht und Goethes Faust als goldener Ledereinband in deutschen Schränken, niemals gelesen und wofür sie stehen.

  2. mmm. Natürlich kann man den Faust und Goethe in Gänze nicht komplett der Romantik und dem Dionysischen zuschlagen. Ich finde Goethe ist, wie Thomas Mann, ein Wanderer zwischen den Welten. Wobei Thomas Mann zum Schluß die Kurve noch gekriegt hat. Das zeigen aus meiner persönlcihen Sicht seine unitarischen Gedanken zum Lebensende sowie nicht zuletzt die Grabinschrift. Für Goethe und insbesondere Faust möchte ich vor allem darauf hinweisen, daß Faust als Held betrachtet keinerlei Menschlichkeit offenbar werden läßt.
    Vielmehr ist er nur mit sich selbst befaßt und wie er sich zur Schöpfung und Gesellschaft verhält. Die sind abe rnur die Bühne für seine Selbstbezogenheit. Auch gerade wie er Gretchen benutzt ist er die prototypische gebildete Vollarschgeige. Wie der Chefarzt der die Assistänzärztinnen durchnudelt. Im faust II kommt dann diese ekelige Soße aus Griechenverehrung, Antikapitalismus und in der Folge krypto-Antisemitismus mit eben linkem Anstrich. Garniert mit Fortschrittsfeindlichkeit. Nicht von Faust selbst, aber es wird doch sehr nahegelegt, daß Geld und Technik das Grundübel sind.

    ADD: Für den deutschen Durchschnittsgebildeten sind natürlich Technikfeindschaft, „Ich und mein Kampf mit der Bösen Welt“ und (kryptojudenfeindliche) Kapitalismuskritik der Standard und die Definition von Menschlichkeit und Menschenfreundschaft!

  3. Ich bin kein Mann-Kenner. Wanderer zwischen den Welten scheinen ja nicht nur Goethe und Mann zu sein, sondern eben auch der Faust.

    Für mich war er immer eine brütende, vielschichtige Figur. Selbstzweifel und Selbstbewusstsein machen ihn aus, und die Suche nach Erkenntnis (als Selbsterkenntnis auch eine Form von Selbstbezogenheit?) und den Grenzen des Menschlichen z.B. zur Metaphysik. Was ist menschlich? Nach Gott im Faust eine Widersprüchlichkeit: dass er strebt und dabei irrt und solange er strebt auch gleich gerettet ist.

    Die Gretchentragödie ist natürlich die große persönliche Schuld. Eine schuldhafte Verstrickung aber auch durch andere Mächte und das Aufzeigen der Grenzen menschlicher Macht. Und das große Scheitern Fausts die ihn in den Wahnsinns zwischen den Teilen führt. Gelöst wird dies wieder nicht von ihm eigenständig, sondern durch heilsames Vergessen. Dann eine neue Sicht auf die Welt, der Stil von Faust 2 symbolisiert das, der Mensch ist immer in Bewegung.

    Menschlich, ja, sympathisch? Naja, nur vielleicht indem das Menschliche sympathisch ist?

    Sind Technik (Bewässerungsanlagen und Finanzpolitik) wirklich das Grundübel? Im Faust I waren sie noch nicht zentral, das Grundübel ist ein Problem des Wissens, der Weisheit, des Bezuges zum Metaphysischen. Wie können Kapitalismus und Technik eine Antwort auf ein metaphysisches Problem liefern? Ja wahrscheinlich hat Goethe hier zu kurz gegriffen und er wäre Marxist oder hätte den Cyberpunk erfunden, hätte er Technik metaphysischer begriffen oder menschlicher. Aber sind sie Grundübel oder sind sie einfach nur nicht die (metaphysische) Lösung?

    Goethes Faust hat mich damals im Deutschunterricht so fasziniert wie nur der hermeneutische Zirkel (und die Vorstellung, dass es eine Fülle weiterer solcher Theorien geben könnte) – und sonst allerdings kaum etwas. Meine Beschäftigung in der Schule war leider auch etwas tragisch. Behandelt wurde es leider nur unzureichend fand ich, ich nahm mich immer mehr zurück als Beobachter und in mir baute sich eine immer größere Spannung auf. In der entsprechenden Arbeit sollte all dies sich explosionsartig entladen. Euphorisch kritzelte ich die Seiten voll und am Ende „“ passte es nicht. Kurz vor Abgabe gab ich auf. Ich war geschockt und hatte Angst vor dem Ergebnis. Die Arbeit war eine 5-.
    Der Faust hätte wohl gesagt:
    Es irrt der Mensch so lange er strebt.
    doch wer immer strebend sich bemüht,
    den können die Engel erlösen.

    Klingt doch menschlich.

  4. Es wäre ja durchaus albern, Goethes große geistige Schöpferkraft mit Nuancierung und Raffinemang anzuzweifeln. Und also hat auch die Deutung des Faust eine ausreichende Tiefe, daß ich schwerlich sagen kann es gäbe nur eine Dimension.
    Einfacher wird es aber, wenn wir uns nur angucken, was in jedem Deutschen Staat konstant ist und dem Mainstream-Gelehrten immer heilig ist: Faust.
    Ob Biedermeier, Kaiserreich, Weimar Nazis, DDR, Bonn und Berlin: Faust steht immer hoch im Kurs immer beschwärmt.

    Die rezipierte Botschaft kann also nicht ganz so eindeutig die derjenigen Menschlichkeit, wie ich sie jetzt meine, sein. Sagen wir es mal so:

    „Selbstzweifel und Selbstbewusstsein machen ihn aus, und die Suche nach Erkenntnis (als Selbsterkenntnis auch eine Form von Selbstbezogenheit?) und den Grenzen des Menschlichen z.B. zur Metaphysik. “

    Die mystisch-metaphysische Spekulation und das ewige Wechsel zwischen Größenwahn und Selbstzweifel kann man ganz gut als die „Roadmap ins Reich“ (mit rollendem „R“) bezeichnen.

    Und ich denke Faust ist deswegen so ein deutscher Dauerbrenner weil es tatsächlich eben die Grundprobleme der deutschen Ärzte und Anwälte wiedergibt. Nicht die der Wissenschaftler, interessanterweise. Aber da war Goethe ja auch eher außerhalb seines Erfahrungshorizontes. Also Sowohl G. als auch TM haben die Deutschen Bürger erkannt und beschrieben. Und das haben beide genialisch bis genial gemacht. Nur was haben die Deutschen daraus gemacht? Nicht viel Gutes. Und bei G.s Faust scheint mir eben aus der Beschreibung des Übels ist ein Lob auf das Übel geworden, wenn das nicht am ende sowieso so gemeint war.

    Ein bißchen wie bei „A Clockwork Orange“ adaption von Kubrick, der der Lieblingsfilm der Hooligans ward.

    Bei Maria Stuart, Wallenstein oder Don Karlos geht es um Reformation und die Zukunft zumindest Nordeuropas. Bei Faust geht es um Befindlichkeiten einer ganz besonderen, ausgedachten Schneeflocke, die volkommen materiell abgesichert ist. Ein gelangweilter Reicher, punktum.

    Aber gräme Dich nicht, Freund des Faust-Textes, Dein Interesse samt Bewertung wird von der Mehrheit geteilt.

  5. Zum letzten Zitat noch:

    Beachte daß da ein Erlösungswunsch ist. „Erlöst“ werden muß nur ein am Leben leidender, also der mit dem Todeswunsch, dem Wunsch nach Auf- und Erlösung.

    Wir können auch hier weiterdiskutieren, ist vlt. praktischer?
    http://forum.rsp-blogs.de/deutsch/

  6. Danke für deine Beiträge Settembrini, dein Stil, der subtil aber nicht unhöflich ins Persönliche zielt verleiht dem Ganzen eine besondere Würze, die man leider nur selten erlebt.
    Ich habe mich im Forum angemeldet und brauche wohl noch etwas um freigeschaltet zu werden. Wenn es für dich nicht zu unpraktisch ist, würde ich direkt schon mal hier weiter posten.

    Nehmen wir doch mal diesen kleinen Stich:
    „Aber gräme Dich nicht, Freund des Faust-Textes, Dein Interesse samt Bewertung wird von der Mehrheit geteilt.“ Das hat mich doch getroffen, wo ich doch gerade eine sehr persönliche Sicht geschildert habe. Und ich muss gestehen, dein Satz hatte sogar seine Wirkung entfaltet – gegen meinen Willen. Als ich mir nun meinen Beitrag durchlas, wirkte er ja fast albern, als hätte ihn jeder Deutsche so geschrieben oder unterschrieben und für einen Moment war mir etwas mulmig zumute (und etwas peinlich).
    Ich brauchte eine Moment, und am Ende stand die Gewissheit: Ich weiß, was ich weiß. Meine Interpretation des Fausts ist meine. Ich brauche keinen Schlüsseltext für den Faust, ich brauche Faust nicht als Kanonliteratur. Deshalb: Der Faust verbindet mich nicht mit der Mehrheit der Deutschen, eher teilt er mich von ihnen. Es verbindet, wenn ich die persönlichen und einzigartigen Erfahrungen und Interpretationen anderer erfahre, die sich von meinen unterscheiden. Sie disqualifizieren sich gegenseitig nicht, sie stärken sich nur. Anders ist es mit den langweiligen „Volksinterpretationen“.

    Ich glaube, Literatur hat es verdient, persönlich verstanden zu werden. Wir können Literatur nicht von anderen lesen und interpretieren lassen. Das geht auch völlig gegen das Medium.

    Deshalb gilt für mich leider nicht: „Einfacher wird es aber, wenn wir uns nur angucken, was in jedem Deutschen Staat konstant ist und dem Mainstream-Gelehrten immer heilig ist: Faust.“ und: „Ein bißchen wie bei ‚A Clockwork Orange‘ adaption von Kubrick, der der Lieblingsfilm der Hooligans ward.“

    Das ist eine Tragik beider Werke, aber reicht es, um der eigenen Deutung schon zu misstrauen? Kubrick und Goethe haben Werke geschaffen, die schwer und unterschiedlich zu interpretieren sind, dunkle Symbole. Kann man ihnen das vorwerfen? Es gibt sympathische Literatur, deren Form schwerer zu vereinnahmen ist. Klar ist Goethe kein Karl Kraus, kein Oscar Wilde und kein Tucholsky. Reicht das, ihn „denen“ zu überlassen? Es ist ein Grundproblem von Literatur, dass sie interpretiert und vereinnahmt werden kann (sogar Derridas Stil wurde von Judith Butler übernommen und jetzt wird im Namen der Gender Studies Unrecht getan!) Aber die historische Interpretation ist nicht die richtige. Gerade bei Texten gilt, dass es eine Wahrheit gibt, die sie in einen einpflanzen, gegen die man sich nicht wehren kann. Man kann es angehen wie ein Historiker oder Soziologie oder meinetwegen wie ein Analyst, der mit statistischen Methoden herangeht, aber das ersetzt nicht die noch persönlichere und stärkere Wahrheit des Lesers, die fast wie eine (metaphysische) Offenbarung wirkt.

    Für mich wird Faust nicht verstanden und nicht Derrida und nicht Nietzsche, um ein paar andere zu nennen. Für mich ist das mittlerweile ein normales Konzept.

    „Die mystisch-metaphysische Spekulation und das ewige Wechsel zwischen Größenwahn und Selbstzweifel kann man ganz gut als die „Roadmap ins Reich“ (mit rollendem „R“) bezeichnen.“

    Dies ist ein schwieriger Punkt. Die Paarung von Größenwahn und Selbstzweifel ist gut, klingt irgendwei manisch-depressiv. Das passt auch gut zum Seitenhieb auf Anwälte und Ärzte: Faust als Arrivierter mit Midlifecrisis? Ja vielleicht, aber vielleicht ist dann die Midlifecrisis eher eine Bedeutungskrise und sollte zu Ansehen kommen? Auch die mystisch-metaphysische Spekulation klingt wie eine Abwertung von Metaphysik, man möchte fast sagen: richtig so!

    Aber: die Auseinandersetzung mit dem Metaphysischen ist ein Aspekt des Menschlichen. Religiösität ist ein Beispiel. An sich ist das nicht schlecht. Religion kann (sogar „“ muss man wohl in Zeiten einer Dawkins’esken Ideologie der flachen Ideologiekritik sagen „“) einen guten Umgang mit Metaphysik lehren. Ein bewusster Umgang mit Metaphysik führt nicht zu Größenwahn oder pathologischer Selbstbezogenheit, sondern zu Selbstbewusstsein und einer gefestigten Position im Diesseits. Negative Theologie ist hier das Stichwort (und damit auch Derrida und Nietzsche). Der Zweifel (bzw. das Menschliche?) wird metaphysisch festgeschrieben. Du darfst dir kein Bild Gottes machen, wird das erste und einzige Gebot. Bei Nietzsche ist das ein schweres Geschütz, dass den Menschen erschüttern kann. Der Übermensch ist nicht Arnold Schwarzenegger, sondern derjenige, der diese Wahrheit umarmt.

    Der Faschismus ist eine Ideologie, er kennt keinen wahren Zweifel. Er ist eine paranoide, feste Struktur, die Menschenleben opfert, um Stabilität aufzubauen. Er vereinnahmt die Metaphysik für sich, um Totalität im Diesseits aufbauen zu können. Er ist eine positive Theologie, er setzt sich als Metaphysik.

    Und jetzt noch mal zu den deutsche Ärzten und Anwälten (meinetwegen auch die Wissenschaftler). Sie sollen sich im Faust wiederfinden? Wer hat denn den Faust gelesen in Deutschland, wer war inspiriert von ihm? Wer hat ihn nur als Kanon gelesen? Wo ist denn der metaphysische Abgrund, in den das deutsche Bürgertum hineinstarrt, wenn ihre große Angst ist, nichts zum Stichwort „Faust“ sagen zu können?

    Zum Erlösungswunsch
    Ich mag auch eher das „ist gerettet“ als „erlöst“. Und von einer 5- erlöst zu sein klingt doch etwas zu pathetisch. Ich lese dies eigentlich eher als Affirmation des Menschen, als Hinwendung Gottes (im Faust) zum Menschen. Auch ist ja der Faust, Figur und Buch, Lebensaffirmierend (deshalb die Griechenverehrung des zweiten Teils und keine Hinwendung zum Orient oder Etruskischen?) Naja aber das beste Argument ist wohl, dass „erlöst“ einfach mal direkt aus der Sprache der Engel kommt bei Faust 2, ist halt ihr Idiolekt und klingt eher nett als zu pathetisch:

    Gerettet ist das edle Glied
    Der Geisterwelt vom Bösen,
    Wer immer strebend sich bemüht,
    Den können wir erlösen.
    Und hat an ihm die Liebe gar
    Von oben teilgenommen,
    Begegnet ihm die selige Schar
    Mit herzlichem Willkommen.

  7. Ach, dich gibt es noch. 🙂
    Ich bin schon zu lange raus aus dem RPG-Bereich.
    Ich kriege ja gar nichts mehr mit. 🙂

    Na dann, weiterhin viel Erfolg bei deinem „Kampf gegen den Spielstumpfsinn der Stimmungsspieler.“

    Och, ich sehe ja gerade das stammt noch vom vorigen Jahr. Naja, wer weiß ob es dich jetzt noch gibt.
    Nichts für ungut. 😉

    Leicht melancholische Grüße

    David

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