Abenteuer Ausbau Diskussion, Vorbereitung Teil 2

Ein Mann mit Pendeldistanz zu Rollodiskursen hat mal gesagt, der Schlüssel zur Bewertung ist Popkultur. RSP-Vorlieben sind also wie Popkulturvorlieben zu betrachten und zu diskutieren.

Da wir das ja immer wieder müssen, hier also ein paar Begriffe. Da die meisten Rollos ja Stadionrock oder Metal mögen, ich aber nicht, nutzen wir mal „Qualia“ oder besser Qualitäten aus dem Hip Hop und insbesondere der Rap Music. Gerade im Rap ist die trennende Einheit von Inhalt, Form und Virtuosität sehr anschaulich. Will sagen, manche Leute mögen MCs OBWOHL die nicht Virtuos sind. Bei Gitarrenmusik hatten wir das zuletzt beim Punk, aber der ist in Deutschland ja meist misverstanden und im Endeffekt ohne Folgen geblieben.

Darüberhinaus gibt es in den Vorlieben für und von HipHop MCs auch geographische Komponenten, die später noch sehr wichtig werden.

Warum, wenn überhaupt, mag man also einen bestimmten Rapper? Meistens ist das multidimensional. Also aus dem Einkaufzettel der interessierenden Qualitäten sagen einem mehrere zu, und zwar in genau der Kombination, daß es „zu einem spricht“.

Qualitäten könen sein:

  • Attitude: Die allgemeine Einstellung, das Verhalten. Zum Beispiel eine Arroganz, eine Distanz zu fast allem, wie bei Shindy oder Bushido. Gerade junge Leute mögen das sehr oft. Oder eine Herzlichkeit wie bei MC Bogy, oder die volkommene Ernsthaftigkeit eines Kool Savas, oder die lockere, tiefenentspannte Partyhaltung von Manny Marc und Arzt.
  • Realness: Ein sehr, sehr großes Wort, ein wichtiger Faktor. Authenzität, Glaubwürdigkeit. Rappen kann jeder, auch musikalisch ist es oft dünn, aber der Inhalt, wenn der Wirkung beim Publikum entfalten soll, dann ist das bei vielen nur möglich, wenn das gerappte als eine Art destillierte Wahrheit über das Leben des Rappers verstanden wird. Darüber kann doll gestritten werden, ist aber einigen auch unwichtig. Es ist aber ein Faktor, zu dem viele eine Meinung haben. Grundsätzlich gilt im Hip Hop, daß als Bewegung der Unterpriviligierten verstanden werden will, daß man nur Rappen sollte, wo man in dem Moment volkommen steht, was man auf der Straße im täglichen Leben vertreten kann. Erschwerend bei allen Realness-Debatten kommt hinzu, daß Übertreibung als Stilmittel doch natürlich erlaubt ist, und Prahlerei mit (noch nicht vorhandenem) Reichtum durch die Freisprechung „Fake it, till you make it“, gedeckt ist. Ein neueres deutschsprachiges Beispiel für nen Song mit großer Realness wäre von Olexesh Avtomat. Oder Schwester Ewas ganzes Debütalbum.
  • Image: Gibt es auch bei anderen Musikern. Aber im Rap kam es in letzter Zeit dazu, daß sich sog. Imagerapper ausbilden. Die also ein ausgedachtes Image pflegen, sie rappen von einem Leben, was nur ausgedacht ist. Berühmtestes Beispiel ist Kollegah. Bürgerlich Felix Blume, Kind aus gutem Bio-deutschem Hause, was so tut als sei es Zuhälter und Drogenticker. Ist auch zum Islam konvertiert und tut so, als sei er auch irgendwie Migrant. Einige wissen das nicht, einige feiern das total, weil sie denken, was die anderen Rapper machen sei alles übertrieben und quatsch, und dann dürften das Leute wie Kollegah sozusagen auf die Spitze treiben.
    Weil Kollegah sein Spiel schon sehr weit treibt, ist er bei echten Straßenrappern meist sehr unbeliebt. Man fühlt sich verarscht von einem, der zum Establishment gehört. Vor allem in Berlin gab es lange keine Versicherung, die seine Konzerte versichert hätte. Kollegah ist einer der technisch versiertesten Rapper, aber sein Image ist fake.
    Andere Images sind eben das bös-mafia-arrogante von Bushido, aber das ist ja wohl eher real zu nennen, Abu-Chaker ist ja nicht ausgedacht. Aber Bushido spielt damit, um sich gefährlicher zu machen, als er ist. Andere Images entstehen unfreiwillig, z. B. von Laas Unlimited, der als deutschlands krassester Battle Rapper gilt, aber eigentlich will er mal nen richtig gutes Album abliefern. Aus einem gefaketem Image kann auch ein echtes werden, so passiert bei Money Boy. Aus einem dillettantischem Start wurde eine steile Trap und Drogenkarriere. Die ihm mitlerweile jeder abnimmt.
  • Freshness: Das „Hip“ in Hip Hop steht für die Vergötterung des Neuen, und eine Qualität kann sein, wenn etwas eben ganz neu und modern und spannend erscheint. Als Gegenqualität steht natürlich Old School, ein originärer Hip Hop Begriff. Freshness hilft gerade jungen Künstlern nach oben zu kommen, sobald etabliertere kapiert haben, was da läuft. Meist verstehen die Älteren das „freshe“ erstmal nicht, so zum Beispiel beim Trap, also wenigen langsamen Reimen über „gotische“ Beats mit jaulenden Untertönen und besonderen Soundeffekten. Durch Freshness sind mitlerweile Hustensaft Jüngling, SXTN und Ufo361 zu ansehen und Gastauftritten bei etablierten künstlern gekommen. Eine eigene, neue künstlerische Stimme und Ausrucksweise zu haben ist die Essenz von Freshness. Beats können auch fresh sein.
  • Flow: Dies bezeichnet für die gerappten Gesangsteile in der eigentlichen Musik die Art und Weise dew Sprechgesangs. Die beschreibenden Vokablen sind noch nicht so ausgereift, man vergleicht meistens mit älteren Rapperlegenden. Crackavelli hat eine gepreßte Sprechweise, die der von Legende Tupac nahe kommt, so rappt auch einer von Optic Records in seligen John Bello Zeiten eine Line selben Inhalts. Der Flow ist zwar veränderbar, aber nicht jeder Flow, von abgehackt bis butterweich, paßt zu jedem Rapper. Bei manchen wirken hektische Doppelreime wie ein Maschinengewehr der Zerstörung, bei anderen wie einstudierte Fleißbienchenscheiße. Auch da mag der Betrachter unterschiedliches raushören. Bein anderen wirkt megalangsames Gleitreimen wie Inkompetenz, bei anderen wirkt die selbe Technik wie das Ruhen in sich selbst und gesprochenes Abheben. Eine schöne Sammlung von unterschiedlichen Flows (Taktlo$$ for the win!) findet man hier. Aber andere Posse-Tracks (also da wo man viele Freunde einlädt, die alle einen 16er Rappen) tun ein ähnliches. Wer Ausdauer hat und Horror-Rap nicht scheut, mag mal nach dem Blockmonsta Allstar-Track gucken. Der Flow sollte auf jeden Fall mit der Botschaft und der Attitude sowie evtl. einem image in Zusammenhang stehen. Je mehr desto besser. Bei Eko Fresh, der seine Jugend vor der Kamera verbrachte, also sich dauernd weiterentwickelt gab es da schon so manche Peinlichkeit und Unrundheit.
  • Technik: Technik ist alles was man wissen, können und üben kann. Ein schöne, halb-ernste Aufzählung gab Freezy in seinem Rap-Tutorial I.
    Natürlich gibt es da auch Neuentwicklungen, die werden aber schnell kopiert solange sie fresh sind, bis es dann keiner mehr hören will, bis auf die Hängengebliebenen. Wichtig ist, daß Technik-Virtuosität nicht zwingend zu Beliebtheit führt: Eko Fresh, Laas Unlimited und Kollegah beherrschen alles was es so an Erlenbarem gibt, aber jeder hat so sein eigenes Kreuz mit Beef und Hatern zu tragen.
  • Punchlines sind genaugenommen eine Technik-Kategorie, wenn man es auf die Spitze treibt.Es geht um eine Mischung aus Wortwitz, Frechheit und Kreativität im umgang mit Sprache aber auch Anspielungen. Ein Reimende, welches überascht und gleichzeitig von der Bedeutung witzig oder mies ist. Wenn es zu gewollt, zu geübt und zu konstruiert ist, verkommt es zum sogenannten Kreuzworträtsel-Rap, der weniger beliebt wird oder andere Formen annimmt. Übelster Vorwurf ist aber, wenn die Punchlines geklaut sind, also „gebitet“. Dann entwertet das den ganzen Reim, im Zweifel den ganzen Song.
  • Inhalt: Wie jedem klar ist, ist die Musik  im Rap selten bahnbrechend. Es geht viel um Geräusche und Stimmungen und den richtigen Rhytmus. Der Inhalt jedoch ist das Eigentliche, das Wesentliche. Das, warum es diese Ausdrucksform geschafft hat, global Wurzeln zu fassen. Er kann beim sleben Künstler jeh nach Lied dünn oder tiefgehend sein, aber die Grundidee beim Rap ist es, etwas zu sagen. So wie bloggen das Mitteilungsbedürfnis einer bestimtmen Personengrupp befriedigt, so ermöglicht Rap es jedem Gehör zu bekommen. Und das Qualitätsmerkmal ist hier: Hat da jemand was Interessantes zu erzählen? Wichtig ist ein strukturelles Merkmal des Raps, und zwar die Textdichte. Selbst der albernste Fun-Rapper kommt nicht umhin viel, viel Text zu produzieren, viel mehr als alle Beatles-Alben zusammen. Und da kommt was rüber. Übrigens ein Grund, warum Gute Rapper, die aber noch auf den Durchbruch warten, oft Ghostwriter für Popsongs sind. Eko Fresh und vor allem Kitty Kat oder auch Soul-Sänger mit Hip Hop-Nähe Okan Frei (wobei der glaube ich auch Produzent ist) sind da so Beispiele.
  • Storytelling: Inhalt kann deklariert werden, oder tatsächlich in einem Spannungsbogen erzählt. In Deutsch ist wohl Sido einer der Besten darin, aber andere können das auch wenn sie wollen (Blokkmonsta sogar MC Bomber), andere wiederum batteln nur.
  • Battle: Hier geht es um die Vermeidung von Gewalt. Battle-Rap ist die Lösung, nicht das Problem. Anstatt sich nach einer Beleidigung oder einem Streit zu prügeln, trägt man das Ganze auf der Bühne aus. Es gibt ungeschriebene Regeln, aber was Beleidigungen angeht, ist fast alles erlaubt, außer Mütter. Aber daran hält man sich manchmal auch nicht. Je böser, desto besser. Meistens A-Capella vorgetragen und auswendig oder Freestyle. Direkt ins Gesicht des anderen, man braucht starke Nerven. Es gibt einige legendäre Battles, auf deutsch meist unter der Beteiligung von Laas Unlimited, auf Englisch natürlich mit Eminem oder die Zerstörung, die Canibus sich von Dizaster abholen mußte. Heutzutage meistens eher sportlich zu sehen, also ohne reale Gewaltproblematik. Aber der Ursprung lag in verbaler Austragung von Nachbarschaftsstreits in den Inner Cities. Früher essenzieller Bestandteil des Bekanntwerdens, gibt es heute Rapper, die das nicht können und nicht wollen.
  • Live: Einige können liefern. Andere nicht. Viele reiche und berühmte haben kein gutes Live-Game, und sind Studio-Rapper. Aber ich glaube das gibt es auch im Heavy-Metal
  • Video: Ebenso können Videos wichtig sein, trägt zur Imagepflege bei und kann auch als Tröphäe oder Ehrenbezeugung angesehen werden. Ich mag die meisten überproduzierte Videos nicht. Es sei denn, sie sind volle Kanne übertrieben oder unterstreichen wirklich mal gut den Inhalt.
  • Swag/Style: Manch einer wird Fame (s.u.) hauptsächlich über Lebenswandel und da besonders Kleidung und Konsumverhalten. Kann ich nicht so viel zu sagen, weil ich das nicht ganz raffe. Aber das gibts und die GloUpDInero Gang ist so ganz groß geworden. Für Fler ist das auch total wichtig, und er findet das bestimmt doof, daß ich das nicht raffe.
  • Interviews: Mitlerweile ein eigenes Genre werden die vielen VouTube VIdeos von Rappern genutz um alle vorgenannten Punkte zu schärfen, zu kontextualisieren und auch anders zu interpretieren. Man kann auf jeden Fall in den Stundenlangen Videos rausfinden was wie ernst gemeint ist, und was das Ziel der Sache ist, und manchmal auch viel über den Charakter erfahren. Letztes Jahr hat auf dem Gebiet Fler alles rasiert, aber viele andere haben auch geliefert, bemerkenswert finde ich das Interview von Ben Salomo mit MC Bogy.
  • Fame: Fame ist natprlich das alles zusammen und das Ziel, aber es gibt stunts und moves mit denen Leute Fame werden können, auch wenn sie nur mittelmäßig ansonsten unterwegs sind. Besonders heftig sind da Al-Gears Eskapaden. NSFW und Nichts für schwache Nerven: ohne Link, Stichwort Da Vinci Code. Wenn man in anderen der drei Hip Hop Säulen (DJ’ing, B-Boying und Graffiti) fame ist, kann das ein gutes Start sein, auch Familie oder Posse kann helfen, wie bei BTNG.

Andere Aspekte gibt es natürlich auch, aber wir haben jetzt viele Besipiele für eine multidimensionale Betrachtung von Vorlieben. Und das gilt eben für Abenteuerspiel auch, seien sie Brett- Rollen- oder Miniaturen oder Kriegsspiele. Natürlich mit anderen Aspekten, aber das arbeiten wir in der Zukunft ja heraus. Und vieles ist eben ähnlich in der parallelen Bewertung von objektiven und subjektiven Qualitäten und einer fragwürdigen Rolle der Technik und der Virtuosität. Vor allem werden wir aber noch über Faker und Realness zu reden haben. Denn auch im Rollenspiel gilt: „Faken Leuten kann man Realness nicht erklären.“

4 Gedanken zu „Abenteuer Ausbau Diskussion, Vorbereitung Teil 2

  1. „Denn auch im Rollenspiel gilt: „Faken Leuten kann man Realness nicht erklären.““ Aha, darauf wolltest Du also hinaus. Soll ich beim Lesen von Teil 3 gleich zum Ende springen? 😉

  2. Nun, das sei jedem. Wir brauchen das aber als Vorarbeit auch im Detail! Denn WARUM finden macnhe Arroganz gut, andere hingegen bekommen von zuvielen Schimpfworten Ausschlag? Oder lachen sich tot über Bushido, wo andere Angst vor ihm haben? Das ist ja DIE Frage, bei der Popkultur uns hilft.
    Eine ausdifferenzierte Betrachtung von Rollopräferenzen bleibt zunächst desiderat. Die PESA hilft.

  3. Hab jetzt länger drüber nachgedacht:

    >>RSP-Vorlieben sind also wie Popkulturvorlieben zu betrachten und zu diskutieren.
    Da wir das ja immer wieder müssen, hier also ein paar Begriffe. Da die meisten Rollos ja Stadionrock oder Metal mögen, ich aber nicht, nutzen wir mal „Qualia“ oder besser Qualitäten aus dem Hip Hop und insbesondere der Rap Music. Gerade im Rap ist die trennende Einheit von Inhalt, Form und Virtuosität sehr anschaulich. Will sagen, manche Leute mögen MCs OBWOHL die nicht Virtuos sind. Bei Gitarrenmusik hatten wir das zuletzt beim Punk, […]< Trueness [unterschieden z.T. nach Genre], …).
    Die tennende Einheit würde auch für den Metal unterschreiben. Manche Bands werden dafür geliebt, dass sie technisch nichts zeigen. Khold gehört dazu (https://www.youtube.com/watch?v=LP9EreNsuWc). Aber gut, die stammen auch aus aus der Black Metal Ecke, die in gewissem Sinn den Punk beerbt hat.
    … und Stadionrock hat mit Metal mMn nicht (mehr) viel zu tun. [Erklärung würde lang, deswegen belass ich’s mal dabei. Vielleicht stattdessen ein Hörbeispiel: https://www.youtube.com/watch?v=ynFDEE44_R4%5D

    Was man – wenn man Analogien für die Hip Hop Qualitäten im Metalbereich finden wollte beachten müsste: Im Metal ist „vorgetragene Sprache“ nicht so wichtig. Auch Szenekenner verstehen nicht immer, was der Death-Metal-„Sänger“ da an Worten vorträgt. Der stimmliche Ausdruck hat da viel größeren Wert. Anders gesagt: „Melodien/Riffs und Gesang“ spielen gegenüber „Rhythmus/Beats und Sprache“ eine deutlich größere Rolle. Innerhalb der ganzen Popmusik ist Metal wahrscheinlich das, was klassischer Musik am nähsten steht.

    Wie gesagt: Das Grundprinzip funktioniert im Metal genauso. Die Kriterien/Qualitäten sind andere. Zum Teil sogar ganz andere.

    Und genau das trifft z.B. auch aufs Rollenspiel bzw. deren Abkömmlinge (Story Games) zu.

    Addendum zu Technik & Virtuosität:
    Ich kann das durchaus schätzen. Allerdings muss das an der richtigen Stelle eingesetzt werden und einen echten Mehrwert haben. Einfach nur „Zucker“ zu sein gehört nicht dazu.

    Gutes Beispiel:
    Maze of the Blue Medusa. (Geniale nutzerfreundliche Umsetzung eines Mega-Dungeons. Sowohl was Format, Präsentation, Organisation der Inhalte als auch Illustration angeht.)

    Schlechte Beispiele:
    Gibts im Duzend billiger. Ich will aber hier keinen Rant anfangen, der wo anders besser aufgehoben wäre.

  4. Klar doch, PESA hilft.
    Was ganz anderes: Neulich, als ich beim Cthulhu-Spiel im Wohnzimmer der Spielleiterin warten musste wegen der Personnagen-Einführung der neuen Mitspieler, fiel mein Blick auf ihre Brockhäuser, insbesondere auf den Brockhaus „Pesa bis Ruder“.
    Also, was erfuhr ich unter dem ersten Eintrag jenes Bandes? Die deutsch-ostafrikanische Pesa entspricht im Wert dem britischen Pice, also 1/64 Rupie. Man lernt nie aus beim beim jeu de Cthulhu. 🙂

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