Fluchtpunkt Eskapistan oder die Erklärung Teil 5

Während der mäandrierenden Diskussion um szenenbasiertes Rollenspiel kamen als Nebenthema wieder die Storygamer vorbei und taten das  erwartbar Ihrige. Sei dem, wie es sei, es begab sich nun, daß mir etwas auffiel. Und zwar daß der gemeinsame Ort an dem wir uns befinden, dem Hobby Rollenspiel, der Fluchtpunkt Eskapistan aus mehreren Richtungen zugänglich ist. Gerade weil ich mitlerweile ja auch viele Spieler kennengelernt habe und durch die vorhergehenden Teile dieser losen Reihe auf meinen Grundirrtum der Gleichartigkeit der Lebensverhältnisse aufmerksam wurde, konnte ich ein altes Rätsel für mich lösen. Das Rätsel spukte in meinem Kopf als das Cyberpunk-Rätsel umher: In den 90ern spielten vor allem diejenigen gerne bei  Cyberpunk die bestialischen, durchgeknallten Gewaltrunner, die im behüteten Einfamilienhaus aufwuchsen. Cyberpunk, welches vielen in Sub-Szenen in West-Berlin viel populärer war als das als von vielen als kindischer Abklatsch empfundene Shadowrun, mochte ich selber immer als Herausforderung, weil es als besonders „hart“ galt. In dem Sinne, daß nur gewiefte und herausragende Spieler in dieser Welt bestehen konnten und die Abenteuer lösen könnten. Den ganzen „Punk“-Teil habe ich damals nicht kapiert, und das Gewaltpunk-Ding dann überhaupt nicht mehr. Nicht zuletzt auch wegen derer, die das machten, das kam mir nämlich irgendwie nicht authentisch vor.

Nun eben zu dem, was ich nun besser in Worte fassen kann als vorher: Zum Rollo-Hobby als gemeinsamem Treff- und Fluchtpunkt kann man auf zwei Wegen kommen: Aus einer Welt aus Scheiße, Chaos, Leid und Gewalt oder aus einer Welt der Enge und Langeweile.

Und genau deswegen hatte ich nie Interesse an irgendwelchen „edgy“ Inhalten im Rollenspiel. Oder an Verrat und böse Leute spielen. Warum sollte ich solchen Scheiß mit in den sicheren Fluchtpunkt nehmen?

Für die einen ist das Abenteuerspielhobby ein sicherer Zufluchtsort, in dem man mit Freunden gegen das Böse kämpft, um eben keinen edgy-real-life-shit mehr erleben oder durchführen zu müssen. Für andere ist die Runde Cyberpunk oder Shadworun oder My Life with Master das Krasseste und Verrückteste was sie in ihrem Leben so machen.

Daß da zwischen diesen beiden Gruppen massive Verständnisprobleme sind, ist dann wohl klar.

Natürlich ist das bei näherer Betrachtung etwas komplizierter, so wie zum Beispiel auch bei der Punk-Musik oder beim Straßenhiphop ist. So wie einige Storygames-Autoren oder Mike Pondsmith die echte Scheiße erlebt haben, so gibt es im HipHop und Punk krasse Typen die echt was erlebt haben als Kreative. Aber die Fans spalteten sich in diesen Musikrichtungen ja in windeseile in die, die auch denselben Shit erlebt haben, und für die das ganze eine Reise ins Exotische ist. Ich habe ein bißchen was über Punk gelesen, und da muß es in London zwischen 1976 und 77 schon mehrere Wellen von Fans gegeben haben, deren letzte Ausläufer die Originalszene massiv angepißt haben. Im Deutschrap kann ich das ebenfalls bestätigen, ein Faker wie Kollegah ist quasi das Shadowrun des Gangsterraps.

Ebenso gibt es eine alte Weisheit, nach der die echten Gangster sowieso privat lieber R&B hörten. Auch Bushido ist bekannt als WoW-ler und DSA-Spieler und hat Radio Paradiso im Auto eingespeichert. Andere, wie Blockmonsta fahren schon hart den Waffenfilm, auch als Runner, aber mit einer 80er-mäßigen, spätkindlichen Begeisterung. So wie wir Straßenkids halt uns am Tabakladenschaufenster die Nase plattgedrückt haben, wenn da Butterfly und Ninjasterne auslagen, die wir nachts davor bei American Ninja vor der Vorschule gesehen haben.

Wie also angedeutet gibt es viele Nuancen und Inversionen, die bei solchen Effekten auftreten können. Aber die Grundidee, daß die Auswanderung nach Eskapistan für die einen Sanktuarium und für die anderen der krasse Individualistenmove darstellt, die hat sehr viel erklärende Kraft.

Wenn ich also das nächste mal mit den Augen rolle, wenn ihr krass-edgy storymäßig unterwegs seid, dann seht es mir bitte nach. Es ist ja genug Platz in Eskapistan, auch wenn ihr für mich immer nur Touristen bleiben werdet. Denn für Leute wie mich ist Eskapistan viel, viel wichtiger als es für Euch jemals sein kann.

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