Die flüsternde Mumie

Ebenso Mummenschanz, tot und einbalsamiert sind die Spielertypisierungen. Und ebenso rumoren sie weiter, um Angst und Schrecken zu verbreiten.

Ich komme ja seit Ewigkeiten kaum noch dazu, all die schlauen Gedanken zum Spiele niederzuschreiben. Und so kann ich dann mal mit wenigen Worten einen weiten Bogen spannen, um die Frage nach den Spielertypisierungen letzgültig zu klären.
Wer sich noch erinnert, ich hatte letzten Sommer einen Urlaub gemacht, wo Abends immer Ur-D&D gespielt wurde. Bis auf eine Neuspielerin waren alle Beteiligten aus meiner sonstigen wöchentlichen Runde. Und also kannte ich die ja schon ganz gut, so als Spieler mit ihren vermeintlichen Vorlieben.
Was jedoch bei täglichem Spielen schnell und deutlich klar wurde: Die Tagesform verursacht eine höhere Streubreite in den Vorlieben eines Spielers, als die beobachtbare Varianz zwischen Menschen an sich. Will sagen, Spieler schlüpfen in Präferenzrollen. Die können sie aber auch wieder ablegen und nach belieben oder eben unbewußt wechseln.
Ist ja eigentlich logisch, mal hat man voll Lust auf Planung und Strategie, ein andermal gar keinen Nerv, mal ist man leidensfähig mal empfindlich und so weiter. Die aufgeklärte Art RSP zu betreiben ist ja für jedem von einiger praktischer Vernunft das Anbieten eines Abenteuer-Buffets. Und man paßt natürlich die Konsequenz in der Logik und Regeln durchgesetz werden ein wenig an. Am Wichtigsten ist das natürlich bei Mißverständnissen. Die Methode R ist ja voll abhängig vom Gespräch. Mißverständnisse sind zu erwarten und sollten bekämpft und mit Nachsicht behandelt werden. Wie das der pragmatisch und praktisch Vernünftige ja eben seit alters her tut. Dies ist wiederum kein verabsolutierbarer Freifahrtsschein, das muß klar sein! Aber ein gewisses Spannungsfeld tut sich auf, und man ist ja auch als Spielleiter davor nicht frei, mal eine andere Stimmung oder Laune zu haben.
Aber, die praktische Vernunft ist schwierig, sie bedarf des Einfühlungsvermögens und der Spiegelung des Selbst. Und es ist anstrengend. Menschen sind eben auch mal anstrengend, wie man selber. Nun begab es sich aber, daß die Probleme innere Mobilität der Vorlieben, externalisiert wurden. In Form von Spielertypisierungen!
Und erstmal ist das ja einsichtig: jeder hat die Situation gehabt, daß er als Spieler eine Spielsituation vor sich hatte, die garnicht seiner aktuellen Präferenzlage („keine Böcke auf Rätsel [gerade]“) entsprach. Schnell mal verabsolutiert [streiche „gerade“], Mobilität und Varianz gekürzt: und siehe, jeder Mensch hat nur noch eine Vorliebe. Metzler, Rätsler, Schauspieler und wie sie alle heißen.
Das schlug natürlich bei den Spielleitern ganz besonders ein, die dann ihre eigene mangelnde Einfühlsamkeit wieder auf die Spieler und ihre doofe Präferenzlage projizieren konnten, so weit, so altbacken. Durch das Internet wurde aber eine neue Stufe erreicht!
Warum?
Weil das Internet die Rollokultur als Subpopkultur mit Selbstreferentiallitätskapazitäten ungeahnten Ausmaßes ausgestattet hat! Un-ge-ahnt!

Die nächste Stufe:
Spieler beginnen sich selbst als Klassenmitglied zu sehen. Was geschieht dadurch? Sie ändern ihre Spielweise zum Teil gemäß der erwarteten Stereotype! Und erstmal hat das einen Riesenerfolg! Nein zwei Riesenerfolge!
Inkonsequentes Spielerverhalten wird eingedämmt! Runden werden zwar nicht einfühlsamer, dafür aber sortierter und geplanter geleitet!

Man stelle sich das vor. Oder nein, wir waren ja alle dabei. An diesem historischen Punkt, so also irgendwann rund um RoLoGG, begann ich mich dafür zu interessieren, aber aus dem verborgenen, krasssen Grund, den manche im Hintergrund erahnen, herannahen sehen, aber noch nicht. Noch sind wir da nicht.
Also: eine gewisse Zeit werden Präferenzrollen vorgebetet und nachgebetet, angenommen und erwartet, und alles läuft ein bißchen besser.

„Jeder weiß, wo sein Platz ist“

Nun gibt es aber zweierlei problemhafte Entwicklungen:

Zum ersten sind Menschen und Spieler sowieso überhaupt nicht so. Das ist ja klar. Aber noch nicht die erste problemhafte Entwicklung. Diese ist nämlich, daß durch die damalige subkulturelle Gemengelage die Präferenzrollen nicht gleichwertig aufgeladen waren.
Ergo, und hier sind wir noch vollstens drin, in der üblen Suppe der ZWEITEN PROBLEMHAFTEN ENTWICKLUNG:
Leute tun so als hätten sie Präferenzrolle X, weil es von ihnen erwartet wird, bzw. besser zu ihrem Selbstbild paßt.

Und hier naht das Häßliche, die Fratze aus der Unterwelt; geboren auf zwei Kontinenten in beiderlei Gestalt, wohnen doch im gleichen Haus:
DER SCHULE!

Ja wer wohnt dort, welches Monster? Welche beiden Monster?

Einfach: In den Angelsächsischen Ländern der High-School Cliquendruck und bei uns der moralisierende Lehrertypus, dessen gruseligste Inkarnation eben Kiesow ist; aber es ist eine bigotte Lehrerhydra mit unzähligen Moralköpfen, und sie ragen bis in die Medien, und aus den Blutstropfen ihrer wachsen beliebig viele neue Philister-Zombies heran.

Nun also, diese beiden bestimmenden Doppeleinskräfte machen die Präferenzrollenwahl zu einem Jahrmarkt der Eitelkeiten in der Rollo-Subkultur. Und der hat dann so ab 2005 spätestens auch die Produkte und Autoren betört, und sie tanzen immer noch auf ihm.

Das aber wirklich Schlimme, was im Gefolge dieser Monster über uns kam, waren diejenigen, die mich seit fast 10 Jahren so betrüben, und ein einfaches aber komplexes Ding wie RSP zu einer krampfigen und eitrigen Angelegenheit machen. Jaha…macnh einer hat es weiter oben schon sich fast getraut zu denken. Und nun müssen wir darüber reden:

Spieler, die inkonsequent sind.

Doch halt, sind wir das nicht alle? Hat der S. doch oben gesagt? Präferenzwechsel hier und da! Es ist etwas grundlegend anderes vor dem wir erschaudern müssen. Wie so oft, sieht es ähnlich aus, und ein bißchen Wortklauberei kann das Verständnis trüben, obacht also.

Darum nennen wir sie anders, nennen wir sie:

Spieler, die scheinheilig sind.

Ist damit schon alles gesagt?
Brauch man kein Beispiel mehr? Ich hoffe es. Daß sie Unglück über sich selbst, ihre Runden und Gespräche zum Hobby bringen, daß müßte klar sein. Wichtig war mir, zu entwickeln, wie sie entstanden sind. Denn ohne moralische Instanz kann es keine Scheinheiligkeit geben, um deren Anerkennung der Scheinheilige buhlt. Und wenn es nur vor dem Spiegel ist.

Disputorium

5 Gedanken zu „Die flüsternde Mumie

  1. Gut gut, das kann ich so nachvollziehen.Nur, ich bitte doch um ein Beispiel für Scheinheiligkeit der Spieler.

  2. Ach Gottchen. Die Erkenntnis kommt ja auch reichlich spät. Morgen erzählst du uns dann, dass abhängig vom Spiel auch der Spielstil wechselt und man sich als flexibler Spieler aussuchen kann, ob man mitspielen will oder nicht und dass es überhaupt kein Schisma in der Rollenspielgemeinde gibt, allenfalls zwischen den Rollenspielen? Ja, willst du uns dann etwa noch erzählen, dass die Regeln einen Einfluss auf das Spiel haben (System matters and so on) und dass sie einen SL in der Wahl seines geplanten Abenteuers unterstützen können? Herzlichen Glückwunsch, Set, du näherst dich im Kriechgang Erleuchtungen, die die pöse Forge schon seit Jahren wieder vergessen hat…

  3. System mattert eben doch nicht so doll, Setting does. System matters und Spielertypen sind doch gerade das Einfallstor für die durchs Internet erschaffene Selbstradikalisierung. Und das ist die Scheinheiligkeit.Ist natürlich immer ein schmaler Grad und hat auch sinnvolles bewirkt. Bei vielen aber nicht.Oder hab ich den Artikel falsch verstanden?torath

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